"You learn from the ooopses." (Edie Jane Eaton)

Wie ich die Isländer - und Linda Tellington-Jones fand

Vor ca. 30 Jahren hatte ich das Glück, zwei unreitbare Islandpferde zum Rasenmähen für das Gelände unseres Einödhofes bei Wasserburg am Inn geschenkt zu bekommen.

Sie stammten von einem heute noch berühmten und angesehenen Islandperde-Gestüt in Nordrhein-Westfalen und waren dort nicht mehr zu gebrauchen. O-Ton: "Wenn wir die hier noch länger auf die Koppel stellen, kauft uns keiner mehr ein Pferd ab."

Also standen die beiden Schimmel Schweinör  - ein konsequent schweinepassender Isländer-Mix unbekannter Herkunft - und Svalur  - ein ziemlich abgekauter Sommerekzemer mit gerade operiertem Spat, der 7 Jahre nicht geritten worden war - bei uns auf der offenen Lichtung neben dem Hof und frassen Gras. Und frassen und frassen. Ich schaute ihnen dabei zu und dachte nicht daran, diese struppigen, dicken, kleinen, und wenig eleganten Ponies zu reiten. Schließlich war ich seit meiner Kindheit bei Reitmeisterin und Grand Prix-Ausbilderin Dagmar Krech in die Dressurkunst eingeweiht worden, hatte Jagden und Dressurturniere hinter mir, und ein Military-Pferd in Ausbildung gehabt. Ein Pferd unter M-Niveau war - ich gebs ja zu - für mich eigentlich gar kein richtiges Pferd.  

(TTouch. Fagagna/Italia September 2013. Grazie per il Photo: Eugenia Mola Di Larissé)

Das Problem war und ist, dass ich seit meiner Kindheit keine Ruhe geben kann, wenn es etwas gibt, auf das man sich draufsetzen und schnell fortbewegen kann. Karussellfiguren oder die "Pferde" und "Motorräder" vor den Supermärkten - wie oft bekam ich zum Leidwesen meiner Oma als Dreijährige Trotzanfälle, weil die Dinger nach Münzeinwurf zwar wackelten und galoppierten, sich aber nicht von der Stelle bewegten! Auch heute noch kann ich keinem Pferd (oder Motorrad) widerstehen.

Deshalb wollte ich dann doch eines Tages "mal drauf reiten". Von unreitbaren Pferden, Tölt oder Pass hatte ich noch nie etwas gehört.

Schweinör und Svalur allerdings hatten nicht wirklich damit gerechnet, dass sie hier ausser Fressen etwas anderes tun sollten. Schweinör biß auf die Trense und machte sich auf den Weg ins Unterholz, um mich nach Kinderponyart abzustreifen. Svalur liess sich weder die Hufe aufheben, noch einen Sattel auflegen -  sobald ich auf seinem bloßem Rücken saß, biß er ebenfalls auf die Trense und ging so ausdauernd durch, dass wir im Nu 5 km weiter weg waren. Den Kopf und die Nase hielt er so, dass ich von seinem Rücken aus bequem die Nüstern von oben hätte streicheln können, ohne mich nach vorne zu beugen. Außerdem begegnete uns zu Svalurs großem Entsetzen ein Traktor, was weitere 2 km Höchsttempo bewirkte. Solche Pferde hatte ich seit Vor-Krech-Zeiten nicht mehr geritten, als ich kopfüber im Steigbügel unter dem Bauch meines durchgehenden Shetties "Prinzess" hing und mein kleines 6jähriges Leben wie ein Kurzfilm an mir vorüberzog.

(Alda und ein sanfter Lama-TTouch. Photo: Marion Henrici)

Jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt, diese kleinen Sturköpfe zu zuverlässigen Trailponies auszubilden. Nach einigem Nachdenken besorgte ich mir also eine Longe und eine Longierpeitsche und steckte einen kleinen Longierzirkel ab. Wieder hatte ich die Rechnung ohne die beiden Dickschädel gemacht. Schweinör blieb unbeeindruckt von der schönen Abgrenzung und stürmte samt Longe mit mir als Anhängsel dran auf die Wiese zum Fressen. Svalur ging mit angelegten Ohren, gefletschten Zähnen, auf seinen Hinterbeinen tänzelnd und mit den Vorderhufen schlagend, auf mich los. Gut, dass wir auf einem Einödhof waren und weit und breit keine Menschenseele diese meine reiterliche Blamage sehen konnte.

An Sturheit - heute würde ich es Geduld nennen - kann ich es allerdings locker mit Isländern aufnehmen. Ich dachte also weiter nach, wie ich diese Pferde ausbilden könnte. Jemand erzählte mir von Ursula Bruns und dem Reitzentrum Reken, die kennen sich angeblich mit Isländern aus. Zu weit, zu teuer für mich - und wie sollte ich diese Dickschädel in einem Hänger 800 km weit zu einem Kurs fahren? Minderjährig und ohne Führerschein? Ich erinnere mich nicht, wie die aus dem Norden es geschafft hatten, sie zu uns zu karren, wahrscheinlich standen die Ponies unter Vollnarkose. Bei uns in Bayern war damals Isländer-Diaspora. Da fiel mir in einem Buchladen ein Buch in die Hände mit dem Titel: "So erzieht man sein Pferd". Von besagter Ursula Bruns und einer Amerikanerin, Linda Tellington-Jones. 


(Mit Vindur auf dem Weg in das Labyrinth. Photo: Marion Henrici)

Ich blätterte darin herum und sah Bilder, auf denen Frauen in 70er-Jahre-Klamotten die Pferde irgendwie massierten. Und Anordnungen von Stangen auf dem Boden, die ich aus der herkömmlichen Cavalettiarbeit nicht kannte. Dann dieses Führen mit einer Führkette und einem weißen Stab. Viele der Pferde auf den Photos sahen zuerst auch so komisch aus wie meine Ponies, sie hatten dicke Hirschhälse, durchgedrückte Rücken, wirkten irgendwie unglücklich und widersetzlich. Letztendlich haben mich die Bilderreihen überzeugt, auf denen man die positive Veränderung der Pferde ganz deutlich sehen konnte. Und natürlich die Sache mit den Plastikplanen und den Tonnen und dem "alle vier Beine in vier Eimer stellen". Solche Ponies wollte ich auch haben!

Gut war auch, dass ich damals nichts davon gehört hatte, dass Islandpferde angeblich nicht am Zügel tölten könnten - für mich war, zumal als Krech-Schülerin, - ein über den Rücken gehendes, durchlässiges Pferd absolute Minimalvoraussetzung für jede Art von Reiten.

Also fing ich an, die Übungen und die beschriebene "Massage" (die Tellington-Touches hatten damals noch gar keine Namen wie heute) aus dem Buch genau nachzumachen.

Jeden Tag.

Nach und nach las ich auch ein bisschen in dem Buch. Und jeden Tag bestätigte sich das, was da zu Lesen war. 

(Mit Masetto, Patricia und Kollegin Anke Recktenwald bei Andrea Jänisch, Kursassistenz bei Linda, Sept. 2013. Photo: Jorun Klinger)

Die Ponies liessen sich allmählich gerne berühren und entspannten sich dabei. Wir hatten zunächst keine eingezäunte Koppel, sondern eine völlig offene Lichtung als Weide. Sie kamen offensichtlich gerne, und neugierig aufs Arbeiten, angerannt, wenn ich mit einem Halfter auftauchte. Sie liessen sich nach einiger Zeit satteln und trensen, und - zunächst nach Lindas Art  - longieren, sie lernten, die Köpfe auch beim Reiten auf eine sanfte Berührung im Genick (und später am Widerrist) zu senken, den Rücken aufzuwölben, zu atmen und abzuschnauben. Sie reagierten auf Stimmkommandos und allerfeinste Gewichtshilfen, verloren ihre Schreckhaftigkeit und liessen das Quatschmachen (meistens) sein. Man konnte sie mit Plastikplanen vollständig abdecken, bis man kein Pony mehr erkannte, und die Beine in Wassereimer stellen. Ihre Körper veränderten sich, sie sahen einfach toll aus und arbeiteten eifrig mit. Wie kleine Dressurpferde. Nur mit Tölt. Den wollte ich nämlich jetzt nicht mehr missen, alles andere finde ich bis heute ... etwas langweilig. Nach ca. 2 Jahren konnte ich Svalur ohne Sattel und Zaum mit einem Kleinkind vor mir in jedem Tempo an riesigen Mähdreschern vorbei durchs Dorf tölten, Zupfen an der Mähne und Stimme genügte als Hilfe. Seine Haltung war perfekt und natürlich lief er taktklar mit aufgewölbtem Rücken. Ein Genuß! So holte ich auch die Milchkanne jeden Abend vom Nachbarhof, und der ganz große Sport für mich war, die Milchkanne vom töltenden Pferd aus aufzunehmen und, ohne etwas zu verschütten, nach Hause zu bringen. Das gefiel mir viel besser als jedes Dressurturnier.

Svalur "Schwalbi" erwies sich als nervenstarkes, zuverlässiges Pferd mit einem ebenso zuverlässigen Schalk im Nacken. Während eines heftigen Schneesturms, in dem ich die Orientierung verloren hatte, brachte er mich einmal durch meterhohe Schneewehen sicher zurück nach Hause. Schwalbi ist schon lange im Pferdehimmel und weiß, wie dankbar ich ihm für das alles bin.

Seitdem gerate ich immer wieder an angeblich unreitbare Pferde, die ich geduldig  nach der TTEAM-Methode "bearbeite", um überhaupt erstmal mit dem Reiten beginnen zu können.

Kein einziges meiner Pferde erwies sich als hoffnungsloser Fall. 

Im Gegenteil, ihre Schönheit, ihr Vertrauen und ihr unendliches Potential hat mich immer wieder verzaubert.

Erst Jahrzehnte später konnte ich von Linda persönlich, Robyn, Edie-Jane, Bibi und all den anderen wunderbaren Tellington-Pferdefrauen noch mehr lernen. Danke an Euch alle!

"Auf der Messe wimmelte es von bekannten Persönlichkeiten der Pferdewelt, doch die einzige, die kam, um uns zu sehen, war Linda...Vom ersten Moment an spürten wir ein harmonisches Verhältnis zwischen uns, und seitdem ist sie für uns die personifizierte Liebenswürdigkeit, die uns jede Unterstützung gewährt, die wir benötigen. Ich erzählte ihr von meinem Problem mit Fasto, der unter Stress litt, woraufhin sie sofort ihre Hilfe anbot. Ich sah ihr zu, wie sie den Stall betrat, und bekam ein ungutes Gefühl, als sie ankündigte, Fastos Ohren massieren zu wollen. Ich wusste, dass er es nicht leiden konnte, wenn jemand seine Ohren anfasste, besonders eine Fremde. Doch als Linda begann, sanft den Ohransatz zu massieren, senkte er den Kopf mit einem Ausdruck von Wohlgefallen in den Augen. Da wusste ich, ich befand mich in Gesellschaft einer ganz besonderen Person". (Magali Delgado und Frederic Pignon über die erste Begegnung mit Linda in ihrem Buch "Achtung. Respekt.Würde. Goldene Prinzipien in der Pferdeausbildung")

(LTJ mit Trakehner Grenzstern bei Andrea Jänisch, Kurs Sept. 2013, Photo: Jorun Klinger)

TTEAM (Tellington Equine Awareness Method) nach Linda Tellington-Jones

Mehr Infos unter externen Links :

www.tteam.de

www.ttouch.com

bei Facebook: Tellington TTouch Deutschland und Tellington Freunde

oder bei Facebook: Ohrenwechsel

oder Tellington Jones Videos bei Youtube suchen

Edie Jane Eaton: www.listeningtowhispers.com

Robyn Hood: www.icefarm.com

(Ich übernehme keine Haftung für externe Links.)